Es gibt Begegnungen, die kein Zufall sind,
sondern Antworten, die bereits unterwegs sind.
Maria macht sich auf.
Elisabeth wartet.
Johannes jubelt.
Jesus ist da — noch unsichtbar, schon wirksam.
Der heilige Ambrosius sagt es mit erschütternder Genauigkeit:
Die Gnade wartet nicht, sie kommt zuvor,
sie macht sich auf den Weg.
Maria geht nicht, weil sie zweifelt,
sondern weil sie glaubt.
Sie sucht keinen Beweis,
sie schenkt Gegenwart.
So entstehen wahre Begegnungen:
wenn jemand, erfüllt von Gott,
es wagt, auf den anderen zuzugehen,
ohne Garantie, ohne Kontrolle, ohne Verzögerung.
„Die Gnade des Heiligen Geistes kennt weder Zögern noch Aufschub.“
— Heiliger Ambrosius
Unsere heutigen Begegnungen
Wie sie sind auch wir voller Fragen.
Wie sie kennen wir die Müdigkeit des Herzens,
die Nächte des Zweifelns,
die stillen Zeiten des Suchens.
In uns ist etwas vom schweigenden Zacharias,
vom erschütterten Josef,
vom wartenden Johannes im Verborgenen,
vom Christus, der leise anklopft.
Oft leben wir im Chronos:
in der Zeit, die erschöpft, in der Zeit, die zählt,
in der Zeit, die uns entgleitet.
Chronos sagt uns:
„Jetzt ist nicht der richtige Moment.“
„Es ist zu spät.“
„Du hast schon zu viel Zeit verloren.“
Doch Gott spricht in Kairos.
In der günstigen Zeit. In der rettenden Zeit.
In der Zeit, die aufrichtet.
Kairos wird nicht gemessen,
er wird empfangen.
„Alles hat seine Stunde … auch die Zeit zu lieben.“ (Kohelet)
Die angehaltene Zeit – Stille Nacht
Stille Nacht…
Das ist kein naives Wiegenlied.
Es ist eine Theologie der Stille.
Die Nacht, in der Gott nichts erzwingt.
Die Nacht, in der er Kind wird.
Die Nacht, in der die Welt den Atem anhält.
In Stille Nacht bleibt die Zeit stehen:
Die Engel singen, die Hirten hören, der Himmel neigt sich herab.
Es ist der absolute Kairos:
Gott tritt in unseren Chronos ein,
ohne ihn zu zerbrechen,
sondern um ihn zu verwandeln.
„Das Wort ist Fleisch geworden, und die Zeit hat gelernt zu hoffen.“ (nach Paul Claudel)
Eine Zwischenbemerkung: Die Suchenden des Sterns
Es gibt auch jene,
die nicht aus dem Tempel kommen,
nicht aus einer auswendig gelernten Verheißung,
sondern aus der Geduld des Blicks.
Die Weisen.
Männer der Wissenschaft und der Kultur,
Leser des Himmels,
Freunde von Zeichen und Karten.
Sie sprechen nicht die Sprache der Hirten,
aber sie wissen zu warten.
Auch sie suchen.
Auch sie zweifeln.
Auch sie gehen voran, ohne alles zu verstehen.
Sie heben den Blick,
und etwas übersteigt sie.
Ein Stern —
kein Beweis,
sondern eine Einladung.
Da verlassen sie ihre Sicherheiten,
ihre Sternwarten,
ihre intellektuellen Bequemlichkeiten.
Sie machen sich auf den Weg.
Der Chronos begleitet sie:
die Tage, die Müdigkeit, die Umwege,
die trügerischen Paläste des Herodes,
die unbeantworteten Fragen.
Doch eine andere Zeit wirkt heimlich in ihnen:
der Kairos.
Die Zeit, in der die Suche zur Anbetung wird.
Die Zeit, in der sich das Wissen vor einem Antlitz verneigt.
Als sie schließlich ankommen,
finden sie keinen Beweis,
keine Macht,
keine überwältigende Evidenz.
Sie finden ein Kind.
Arm.
Still.
Hingeschenkt.
Und so verstehen sie anders.
Sie setzen einen Akt des Glaubens.
Sie bringen dar, was sie am Kostbarsten haben:
das Gold ihrer Erkenntnis,
den Weihrauch ihrer Suche,
die Myrrhe ihrer Klarheit.
Und sie kehren auf einem anderen Weg zurück.
Nicht weil sie alles verstanden hätten,
sondern weil sie berührt wurden.
So wirkt die Gnade:
Sie verneint die Suche nicht,
sie verwandelt sie.
Sie beseitigt den Zweifel nicht,
sie öffnet ihn für die Begegnung.
Empfangene Gnade – geschenkte Gnade
Johannes jubelt, bevor er spricht.
Elisabeth weissagt, bevor sie versteht.
Maria jubelt, noch bevor sie empfängt.
Die Gnade zirkuliert.
Man besitzt sie nicht,
man gibt sie weiter.
Wie Georges Bernanos schrieb:
„Die Gnade ist überall, aber sie drängt sich niemals auf.“
Sie geht durch eine Stimme,
einen Blick,
einen Besuch,
durch ein endlich gesprochenes Verzeihen.
Und manchmal entsteht die ersehnte Versöhnung
nicht durch eine große Rede,
sondern durch ein schlichtes:
„Hier bin ich.“
Nicht aufgeben
Ja, wir zweifeln.
Ja, wir suchen.
Doch glauben heißt nicht, niemals zu wanken —
sondern sich nicht mit Resignation abzufinden.
Maria geht.
Josef steht auf.
Die Hirten brechen auf.
Die Weisen ändern ihren Weg.
Und auch wir, trotz Müdigkeit, trotz Wunden, trotz Langsamkeit.
„Hoffen heißt, noch einmal zu wagen.“ — Charles Péguy
- Piotr K. WILK
21. Dezember 2025 – Chalet Jean XXIII
Gedicht – Wenn Gott die Zeit besucht
Es gibt Tage, die vergehen,
und andere, die geboren werden.
Stunden, die sich erschöpfen,
und eine einzige, die rettet.
Chronos zählt unsere Schritte,
Kairos öffnet den Himmel.
Der eine treibt uns an,
der andere richtet uns auf.
Eine Stimme flüstert:
„Fürchte dich nicht.“
Und die Zeit schweigt.
Dann wird die Nacht sanft,
die Vergebung möglich,
die Begegnung fruchtbar.
Jemand kommt auf uns zu,
und wir werden selbst zum Weg.
Empfangene Gnade
wird geschenkte Gnade.
Die dargebrachte Wunde
wird zur Quelle des Friedens.
Und in der endlich bewohnten Stille
wird Gott geboren —
nicht außerhalb der Welt,
sondern mitten in unserem Leben.
- Piotr au Chalet Jean XXIII à SAPOIS